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Ist Leistung allein ausreichend für schulischen Erfolg?

Im Bildungsbereich glauben viele Menschen, dass alle Schülerinnen und Schüler die gleichen Chancen auf Erfolg haben, wenn sie hart arbeiten und talentiert sind. Die Forschung zeigt jedoch, dass der Glaube an Meritokratie tatsächlich Ungerechtigkeiten verdecken kann. Viele andere Faktoren, die beeinflussen, wie Kinder und Jugendliche in der Schule abschneiden, werden ignoriert. So etwa der familiäre Hintergrund, die Ressourcen der Schule, soziale Interaktionen und persönliche Lebenserfahrungen.

Die Idee der Meritokratie wird durch institutionelle Regeln, kulturelle Werte und Stereotype gestützt, die persönliche Verantwortung und angeborene Fähigkeiten betonen. Dadurch erscheint Erfolg als rein individuelle Leistung. Gleichzeitig verdeckt diese Sichtweise die breiteren sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, die ebenfalls bestimmen, wer vorankommt und wer Schwierigkeiten hat.

In der Psychologie ist der Mythos der Meritokratie eng mit Leistungsungleichheiten verbunden. Selbst wenn Schülerinnen und Schüler über die gleichen Fähigkeiten verfügen, erzielen jene aus weniger privilegierten Familien oft schlechtere Ergebnisse. Dafür gibt es mehrere Gründe. Beispielsweise zeigen sowohl die Art und Weise wie Kinder und Jugendliche den unterschiedlichen Bildungswegen zugeteilt werden (Terrin & Triventi, 2022), als auch die Wahrnehmungen und das Verhalten von Lehrpersonen (Brummelman & Sedikides, 2023), dass Auswahlprozesse und soziale Akteure bestehende Ungleichheiten unbeabsichtigt verstärken können.

Mijs (2015) argumentiert, dass Schulsysteme den «meritokratischen Prozess» häufig verzerren. Wenn die Auswahl und Platzierung von Schülerinnen und Schülern von Noten und Testergebnissen abhängt, kann die Zuteilung zu unterschiedlichen Bildungswegen Ungleichheiten verstärken. Kinder aus bildungsnahen Familien gelangen häufiger in anspruchsvollere Bildungswege und besuchen prestigeträchtige Schulen, was ihre späteren Chancen prägt (Triventi et al., 2020). Ergebnisse aus dem LEARN-Projekt bestätigen dieses Muster. Eine Studie mit rumänischen Jugendlichen zeigte, dass die Zuteilung zu unterschiedlichen Bildungswegen die Leistung im Baccalaureate-Examen sowohl direkt als auch indirekt über die Leistungsentwicklung während der Oberstufe vorhersagte (Dodan et al., 2025). Die Platzierung in weniger anspruchsvollen Bildungswegen und entsprechende Leistungsmuster standen im Zusammenhang mit schlechteren Ergebnissen im Baccalaureate-Examen.

Auch die Überzeugungen von Lehrpersonen können diese Ungleichheiten verstärken. Legette (2020) zeigt, dass Lehrpersonen Schülerinnen und Schüler in anspruchsvolleren Bildungswegen oft als fähiger einschätzen. Brummelman und Sedikides (2023) betonen zudem, dass Interaktionen mit Lehrpersonen beeinflussen können, wie Kinder und Jugendliche über sich selbst denken. Besonders für Schüler:innen aus benachteiligten Familien kann dies ihr Selbstvertrauen schwächen. Wenn Lehrpersonen negative Stereotype über die Fähigkeiten bestimmter Gruppen haben, beginnen Kinder möglicherweise, sich selbst als weniger intelligent oder weniger fähig wahrzunehmen – selbst wenn ihre tatsächlichen Fähigkeiten denen ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler entsprechen. Mit der Zeit können solche negativen Selbstbilder die Motivation verringern und zu schlechteren schulischen Leistungen führen, wodurch bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt werden.

Obwohl Anstrengung und Motivation eine Rolle spielen, werden Schüler:innen aus benachteiligten Familien häufig durch eine «Defizitperspektive» betrachtet, bei der geringe Leistungen auf geringe Fähigkeit oder mangelnde Anstrengung zurückgeführt werden (McKay & Devlin, 2016). In Wirklichkeit zeigen viele dieser Jugendlichen grosse Stärke und Flexibilität im Umgang mit Herausforderungen. Hernandez et al. (2021) fanden heraus, dass die Motivation und Ausdauer von Schüler:innen steigt, wenn Lehrpersonen sich auf ihre Stärken konzentrieren. Ungleichheit zu bekämpfen, erfordert daher einen Perspektivwechsel: weg von dem, was die Lernenden «nicht haben», hin zu einem stärkenorientierten Ansatz, der Potenzial und Resilienz wertschätzt.

Ein gerechteres Bildungssystem zu schaffen bedeutet, über den Mythos der Meritokratie hinauszugehen und strukturelle Barrieren anzugehen. Eine fairere Verteilung von Ressourcen, Aus- und Weiterbildungen für Lehrpersonen, die Stereotype hinterfragen, sowie flexible Bildungswege sind entscheidend, um jedem Kind und jedem Jugendlichen die Chance zu geben, erfolgreich zu sein.

 

Hinweis
Die geäusserten Ansichten und Meinungen liegen ausschliesslich in der Verantwortung der Autor:innen und spiegeln nicht notwendigerweise jene der Europäischen Union wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können für sie verantwortlich gemacht werden.

Autorinnen

Daria Dodan, MA und Prof. Oana-Maria Negru-Subtirica, Babeș-Bolyai Universität Rumänien

Referenzen

Brummelman, E., & Sedikides, C. (2023). Unequal selves in the classroom: Nature, origins, and consequences of socioeconomic disparities in children's self-views. Developmental Psychology, 59(11), 1962–1987. https://doi.org/10.1037/dev0001599

Dodan, D., Negru-Subtirica, O., & Szekely-Copîndean, R. D. (2025). The role of educational tracking and school Prestige in shaping adolescents’ achievement trajectories and results at high-stakes national exams. Manuskript in Vorbereitung.

Hernandez, I. A., Silverman, D. M., & Destin, M. (2021). From deficit to benefit: Highlighting lower-SES students' background-specific strengths reinforces their academic persistence. Journal of Experimental Social Psychology, 92, 104080. https://doi.org/10.1016/j.jesp.2020.104080

McKay, J., & Devlin, M. (2016). ‘Low income doesn't mean stupid and destined for failure': challenging the deficit discourse around students from low SES backgrounds in higher education. International Journal of Inclusive Education, 20(4), 347-363. https://doi.org/10.1080/13603116.2015.1079273

Mijs, J. J. (2016). The unfulfillable promise of meritocracy: Three lessons and their implications for justice in education. Social Justice Research, 29(1), 14-34. https://doi.org/10.1007/s11211-014-0228-0

Terrin, É., & Triventi, M. (2023). The effect of school tracking on student achievement and inequality: A meta-analysis. Review of Educational Research, 93(2), 236-274. https://doi.org/10.3102/00346543221100850

Triventi, M., Skopek, J., Kulic, N., Buchholz, S., & Blossfeld, H. P. (2020). Advantage ‘finds its way’: How privileged families exploit opportunities in different systems of secondary education. Sociology, 54(2), 237-257. https://doi.org/10.1177/0038038519874984