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Laufbahnempfehlungen und sozialer Hintergrund

Stellen Sie sich zwei Kinder vor: Maria aus einer Familie mit wenig begünstigtem sozialen Hintergrund und Alex aus einer sozial begünstigten Familie. Obwohl ihre schulischen Leistungen ähnlich sind, wird Alex mit grösserer Wahrscheinlichkeit von Lehrpersonen für weiterführende Schulen empfohlen. Eine Metaanalyse von 73 Studien zeigt, dass Laufbahnempfehlungen zu über 40% von nichtakademischen Faktoren abhängen (Südkamp, Kaiser, & Möller, 2012).

Welchen Einfluss Schulen haben und welche Ansätze die Bildungschancen aller verbessern können, zeigt die vollständige Studie von Batruch et al. (2023) die hier zugänglich ist.

Zentrale Ergebnisse

Faktor: Sozialer Hintergrund

Dreizehn von 19 Studien finden, dass SuS (Schülerinnen und Schüler) aus sozial weniger begünstigten Familien in Laufbahnentscheidungen benachteiligt werden, selbst wenn man Leistungskriterien wie Testergebnisse und Noten berücksichtigt.

Grafik 1

 

Faktor: Migrationshintergrund

Die Ergebnisse der 24 Studien, die den Einfluss von ethnischen und migrationsbedingten Faktoren bei den Laufbahnempfehlungen untersucht haben, sind gemischt und weniger klar.

Grafik 2

Diese Ergebnisse könnten auf Unterschiede im Studiendesign, die Einbeziehung sozialer Faktoren und unterschiedliche Methoden zur Messung der ethnischen Zugehörigkeit oder des migrationshintergrunds zurückzuführen sein.

Stabiler Effekt

Während das Verhalten, die Anstrengung und die Motivation der SuS einen positiven Einfluss auf die Empfehlungen der Lehrpersonen haben, wirkt sich der soziale Hintergrund und die ethnische Zugehörigkeit weiterhin auf die Empfehlungen aus.

Chancen

Den Fokus verändern

Vorläufige, aber  vielversprechende Erkenntnisse deuten darauf hin, dass institutionelle Faktoren den Einfluss des sozialen Hintergrundes in Laufbahnempfehlungen beeinflussen können.

Erstens wirken sich Strukturen der Rechenschaftspflicht positiv auf die  Entscheidungsprozesse von Lehrpersonen aus.

Zweitens begünstigt ein institutioneller Fokus auf Förderung (im Gegensatz zur Selektion) die Reduktion des Einflusses des sozialen Hintergrundes auf Laufbahnempfehlungen.

Empfehlungen

Verstärkte Rechenschaftspflicht bei Entscheidungsprozessen

Die Einführung von Rechenschaftsstrukturen wie Aufsichtsräten oder Peer-Reviews in Stufen- oder Schulhausteams zur Überprüfung von Entscheidungen könnte die Fairness von Laufbahnempfehlungen verbessern. Die Forschung zeigt, dass Lehrpersonen ihre Empfehlungen dann reflektierter und bewusster aussprechen, insbesondere in Kontexten, in denen eine Benachteiligung von SuS mit weniger begünstigtem sozialen Hintergrund beobachtet wurde.

Schwerpunkt auf pädagogische Unterstützung statt auf Selektion

Massnahmen, die den Schwerpunkt von der Auswahl leistungsstarker SuS auf die Unterstützung aller verlagern, können Ungleichheiten in den Empfehlungen aufgrund des sozialen Hintergrundes bei gleicher Leistung verringern. Daher sollte der pädagogischen Unterstützung Vorrang vor einer selektiven Kategorisierung eingeräumt werden.

Fazit

  • Bildungschancen hängen nicht nur von Leistung ab
    Der soziale Hintergrund beeinflusst Laufbahnempfehlungen von Lehrpersonen.

  • Ungleichheiten entstehen trotz gleicher Leistung
    Schülerinnen und Schüler aus benachteiligten Familien sind häufiger im Nachteil.
  • Mehr Chancengerechtigkeit durch Schulstrukturen
    Rechenschaftsprozesse und ein Fokus auf Förderung statt Selektion können helfen, soziale Ungleichheiten bei Laufbahnentscheidungen zu reduzieren.

Autorin

Dr. Doris Hanappi
Jacobs Center for Productive Youth Development

Originalquelle

"Are tracking recommendations biased? A review of teachers’ role in the creation of inequalities in tracking decisions": https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0742051X22003602

Referenzen

Batruch, A., Autin, F., Bataillard, F., & Butera, F. (2019). School selection and the social class divide: How tracking contributes to the reproduction of inequalities. Personality and Social Psychology Bulletin, 45(3), 477e490.
https://doi.org/10.1177/0146167218791804
https://doi.org/10.1037/a0027627

 

Downloads

Faktenblatt (PDF, 1 MB)

Policy Brief (PDF, 1 MB)